Fachinformation
Literatur: Über das Sterben – Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen
Rezension
„Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen“ – dieser Satz verbindet das Wissen der Menschheit und alle ihre Generationen. In moderner Perspektive erhält dieses Wissen eine materiell molekularbiologische Basis. Man hat den kontinuierlichen Wandel im lebendigen Organismus erkannt, in welchem sich unsere Körperzellen – auch die des Gehirns – stetig im Absterben und Erneuern befinden. Ganz am Ende indes bleibt der Tod – der Materialist sieht hier die Chromosomen zerbrochen. Ob solche Erkenntnis aber unsere Ängste um das unausbleibliche „Versagen“ schürt oder gar noch verstärkt?
Sind es nicht eher die Sorgen um Isolierung und Ungeborgenheit, wenn wir einmal schwächer werden? Die Abhängigkeit von der Zuwendung anderer aus Nachbarschaft bzw. bezahlter sozialer Dienste? Die Verlassenheit: bedingt durch demografische Entwicklung, die Mobilität und das „Auseinander- Ziehen“ im Rahmen der Familien? Die zeitweilige Bevorzugung unverbindlicher Freiheit im Singel-Dasein?
Allerdings bleibt der Autor bei der Frage nach dem, was „wir über das Sterben“ wissen, dem Leser die Antwort – naturgemäß – schuldig, wenn er den sog. Hirntod mit dem Ganztod des Menschen gleichsetzt: der „Tod des Gesamtorganismus als integrierte biologische Einheit“ sei dann unumkehrbar vollzogen. Das ist Behauptung. Wird nicht vielleicht irgendwann auch das Gehirnorgan „ersetzbar“, macht es doch nur etwa 3% unseres Gesamtorganismus aus?
Indes beschreibt Borasio die allmählich eintretende Rückbesinnung auf Naturnähe, die der Fort-Entwicklung medizintechnischer Möglichkeiten gegenläufig ist und trotz spitzfindig verbessernder „Reproduktions-Angebote“ im Bereich von Schwangerschaft und Geburt sich zunehmend auch von einer biotechnischen Intensivmedizin beim Sterben abzusetzen beginnt. Welchen Trend verfolgt unsere Gesellschaft, wenn es ans Sterben geht? Wünschen wir uns den plötzlichen Tod oder bevorzugt man den langsamen bei chronischem Leiden mit entsprechender medizinischer Behandlung, bei dem wir noch manch Versäumtes nachholen können? Wünschen wir uns das allmähliche Verdämmern, den Rückzug ins Eigene, ins Eigentliche? Statistisch gesehen möchten die meisten unserer Bürger zuhause sterben in Geborgenheit und möglichst schmerzfrei. Lässt sich dies gesundheitspolitisch realisieren?
Noch liegen die Fakten derzeit etwas anders: 43% der Bürger sterben im Krankenhaus und nur 25-30% zuhause. Doch greift mittlerweile bereits eine andere Struktur. Diese wird durch Einrichtung von Hospizen und Palliativstationen ermöglicht. Letztere bemühen sich um verbesserte Kenntnis der Schmerzbehandlung und Individualpflege. Sie bringen sich als Hilfe in zeitweiliger Behandlungsänderung ein und sind bevorzugt bemüht, dem Todkranken das Sterben in gewohnter Umgebung und familiärer Atmosphäre zu ermöglichen. Dabei bedürfen die verschiedenen Kommunikationsprobleme zwischen Patient und Partner, Familie, Pflegekräften besondere Berücksichtigung. Hier erscheint die intensive Schulung von Pflegekräften und Seelsorgern notwendig.
Palliativmedizin ist nichts anderes als hoch „spezialisierte Allgemeinmedizin am Lebensende“, schreibt der Autor. Aus dem auf Heilung ausgerichteten „Cure“ wird dabei das begleitende und beistehende „care“, die Umsorgung des Sterbenden, welche die Entlastung der Angehörigen und nicht zuletzt deren Trauer um den Verlust nicht aus den Augen verliert.
Die Lektüre empfiehlt sich durch gediegene Angaben über ambulante Fachbetreuungen im somatischen und vor allem psychosozialen Bereich. Das Buch ist ein Appell zum stetigen „Dazulernen“ im möglichst breit gefächerten Expertenaustausch. Wir können uns auf das Sterben einstellen – bereits in gesunden Tagen.